Stuttgart Schwarz : Seit "Our Darkness" und "Sleeper in Metropolis" ist inzwischen über ein Viertel Jahrhundert vergangen und die Massen tanzen inzwischen über zwei Generationen immer noch dazu und füllen die floors. Was empfindest Du dabei ?
Anne Clark : Wenn Du sagst "über ein Viertel Jahrhundert"... puuh... das muß ich erst mal setzen lassen, das ist unglaublich. Das ist eine sehr lange Zeit.
Ja, ich bin sehr stolz darauf, natürlich. Es wundert mich etwas, dass die Leute immer die Original Versionen wünschen, obwohl in all den Jahren interessante Remixe entstanden, welche zeitgemässer waren. Das finde ich auch schade, aber wie gesagt : Ich bin auch sehr stolz darauf.
Stuttgart Schwarz : Deine neue Single "Full Moon" war ein typisches Anne Clark Stück, erinnerte an die früheren Werke. Der Rest des Albums jedoch war sehr viel ruhiger, warum ?
Anne Clark : Meine Alben lebten eigentlich alle von der Vielseitigkeit, wenn man sie genau betrachtet. Auch "Changing Places" und "Joined Up writing" hatten sehr schnelle und sehr ruhige Titel. Ein Album ist für mich, wie wenn ich etwas koche. Zu brauchst verschiedene Zutaten und Gewürze um ein interessantes Gericht zu erstellen, ebenso besteht das Endprodukt, also das Album, aus verschiedenen "Gewürzen" und "Beilagen".
Stuttgart Schwarz : Wenn Fans sich von Dir wieder Alben im Stil von "Pressure Points" oder "Hopeless Cases" wünschen würden - wäre das realistisch oder sind solche Alben für Dich endgültig "Geschichte" ?
Anne Clark : Nun... ich denke einfach, das eine waren die Achtziger, das andere die Neunziger und wir leben nun im hier und jetzt. Und wie Du zuvor schon angemerkt hast, steckt mit songs wie "Full Moon" ja auch dennoch wieder ein Stück von allem mit drin.
Stuttgart Schwarz : Nach 10 Jahren ein neues Studioalbum um eine Tour. Warst Du sehr aufgeregt wie alles ankommt und wie ist Dein Resumé dazu ?
Anne Clark : Es klingt komisch aber ich hatte irgendwann kein Gefühl mehr dafür. Du stehst jeden Tag im Studio und bist am Mischen und Mixen, am Anhören und wieder hören... irgendwann hast Du gar kein Gespür mehr dafür, wie es wirkt und ankommt.
Ich brauche ein paar Wochen Auszeit davon, dann kann ich mit einem gewissen Abstand dazu meine songs wieder hören und sagen : „Hey, klingt nicht schlecht.“ Mit der Resonanz und den feed backs bin ich aber auf jeden Fall sehr zufrieden !
Stuttgart Schwarz : Ein paar Worte zum Konzert heute in Reutlingen. Was erwarten die Fans und was erwartest Du von dem Gig ?
Anne Clark : Ach, das ist gar nicht so einfach. Mein Publikum ist zwischen 16 und 60 und setzt sich zusammen aus Gothics, Waver, Hosuse- und Technofans und so weiter. Ich hoffe einfach immer, allen gerecht zu werden.
Stuttgart Schwarz : Das Konzert heute ist ausverkauft, wie kommt es, dass Du in solch einer kleinen Locations spielst ?
Anne Clark : Man hat die Wahl, ob man nun eine Tour in wenigen Städten und grosse Locations spielt oder viele Konzerte in vielen Städten und kleinen Locations. Ich hatte mich für das letztere entschieden.
Stuttgart Schwarz : Warum mussten die Fans so lange auf ein neues Album warten ? Lag es alleine an Problemen mit den Plattenfirmen ?
Anne Clark : Das war ein Grund. Die meisten Labels achteten auf das marketing und wie oft sich eine CD verkaufen lässt. Ich hatte aber oft auch das Gefühl, dass es ihnen gefallen wollte und die Fans zweitrangig waren. Einige Gespräche liefen tatsächlich da nicht ganz glücklich. Es gab aber auch in meinem privaten Bereich einige Gründe für diese Pause. 2004 verstarb mein Vater und ich war lange Zeit nicht in der Lage, überhaupt songs zu schreiben. Dann verstarb 2006 auch meine Mutter und da ist genau das Gegenteil passiert, ich verarbeitete viel im Schreiben von songs und flüchtete mich in die Arbeit.
Stuttgart Schwarz : Zwei unterschiedliche Bewältigungsmechanismen also ?
Anne Clark : Ja, so kann man es sagen. Ansonsten führe ich eher ein ruhiges uns langweiliges Leben mit meinen Hunden, vielen Büchern und Musik.
Stuttgart Schwarz : Am Samstag endet Deine Tournee. Wie geht es dann weiter ?
Anne Clark : Naja, ich werde erst mal nach Hause nach Norfolk zurück kehren und nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Bei mir wurde schon zwei Mal eingebrochen, während ich auf Tour war. Einige Leute scheinen das zu wissen, dass ich länger unterwegs bin. Aber bis jetzt hab ich die Info, dass wohl alles in Ordnung sei.
Stuttgart Schwarz : Viele grosse Künstler werden von anderen Bands kopiert. Du hast Deinen unverkennbaren Stil, dennoch hat die deutsche Künstlerin Sara Noxx auch dies doch sehr kopiert. Was hältst Du davon ?
Anne Clark : Naja… also ich weiß nicht so recht. So Sachen gibt es immer wieder und tatsächlich haben viele Bands auch ihre Nachahmer. Es ist okay, ich denke dennoch, dass jeder versuchen sollte so innovativ zu sein und sein eigenes Ding machen, das würde ich besser finden.
Stuttgart Schwarz : Du hast in Deutschland die meisten Fans und die grössten Erfolge. Warum ausgerechnet Deutschland ?
Anne Clark : Also das ist mir auch etwas ein Rätsel und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Ich habe gehofft, dass ihr mir vielleicht diese Frage beantworten könnt. Natürlich waren es auch die Einflüsse deutscher elektronischer Bands wie Tangerine Dream und Kraftwerk, die mich geprägt haben, möglicherweise ist das ein Grund.
Stuttgart Schwarz : Vielen Dank, Anne und – let’s hope you make the kill in time.
Anne Clark : (lacht), das hoffe ich auch.