Element of Crime in Pforzheim (14.07.17)

"Kinder, Teenager und Rentner" - als Albumtitel würde das für eine Band, deren letzter Silberling auf den Namen "Lieblingsfarben und Tiere" hört, noch nicht einmal sonderlich exorbitant klingen, beschreibt aber tatsächlich den Querschnitt der Gäste, welche Zeugen des Gastspiels der Berliner Ausnahmeband "Element of Crime" am vergangenen Freitag beim Open Air im Innenhof des Kulturhaus Osterfeld zu Pforzheim wurden.
Pünktlich um 20:00 Uhr eröffnen der gebürtige Bremer Sven Regener (Gesang, Trompete) samt Jakob Ilja (Gitarre), Rainer Theobald (Saxophon, Klarinette), und Richard Pappik (Schlagzeug, Mundharmonika) mit dem Titelsong des gleichnamigen Albums von 1991, "Damals hinterm Mond" den Abend. Der erkrankte David Young wird am Bass ersetzt.
Element of Crime bedienen die Goldststädter mit einem breiten Querschnitt ihres Schaffens der letzten 25 Jahre, wobei auf die ohnehin bisher bisher recht spärlich zum Einsatz gelangten Frühwerke der ersten vier Alben in englischer Sprache diesmal gänzlich verzichtet wird.
Die Umsetzung der Streicher- oder Keyboard-Arrangements einger Studio-Versionen ("Schwere See", "Fallende Blätter") gelingt mit den begrenzten Live-Möglichkeiten in Bläser nur bedingt, bzw. lassen sich zumindest nur im gewöhnungsbedürftigen Rahmen kompensieren.
Wie eh und je lebt der Abend jedoch auch von Regeners verbalen Intermezzos zwischen den jeweiligen songs und der Frage bei den Fans, ob es sich hierbei um Kalkül handelt, oder diese sowohl ungewollt als auch erwünscht unfreiwillig komisch erscheinen, die schliesslich im Entschluss der Genialität versöhnlich beantwortet wird.
Nach einer halben Stunde vorwiegend schwermütiger Melancholie stellt Regener fest : "Man könnte nun ja sagen, das ist alles schön und gut. Aber wo bleibt der Rock ?" und schickt seine ureigene Deifinition einer "Rockband" erfrischend und erheiternd hinterher, um anschliessend mit "Immer da wo Du bist bin ich nie" das bisher eher statische (dennoch begeisterte) Publikum erfolgreich aus der Reserve zu locken.
Das Gastspiel des Quintetts in Pforzheim sollte aber nicht die einzige Première am 14. Juli bleiben : Weil Sven Regener es "asozial" (Zitat) findet, immer nur die alten songs zu spielen, kommt Pforzheim an jenem Sommerabend bei optimalen Open-Air-Bedingungen in den Genuss zweier brandneuer Song-Premieren : "Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin", sowie "Stein, Schere, Papier" wecken berechtigte grosse Freude auf das Nachfolgealbum von "Lieblingsfarben und Tiere" und finden bei den Gästen nicht weniger Anklang als die bekannten songs.
Mit "You only tell me you love me when you're drunk", einem Pet-Shop-Boys-Cover vom Album "Fremde Federn" überraschen die Elements im setlist und ein bestens aufgelegter Sven Regener erklärt, warum es so wichtig sei, auch songs von anderen Bands zu spielen : "Es schmälert die Verachtung. Und den Neid."
Nach 70 Minuten verabschieden sich die Berliner zum ersten Mal und lassen sich nicht lange bis zu den drei Zugabeblöcken mit fünf songs bitten, wobei die Gänsehaut-Nummer "Vier Stunden vor Elbe" die Krönung eines fantastischen Abends bildete.
Nach zwei Stunden Schwermut und Heiterkeit, Tragik und Komik, sowie verbalchirurgischer Virtuosität und künstlerischer Versiertheit endet der Abend einer der besten, wichtigsten und eigenwilligsten Bands der deutschen Musikgeschichte, welche seit Jahren nicht ohne Grund in einem von Medien und Rezensionisten gefüllten Pool von Superlativen baden kann.
Spätestens seit Freitag weiss nun auch Pforzheim : Zu recht.


Bericht : Jolly von Hayde
Fotos : Tilman Seel (TS Fotografie)


Setlist :
Damals hinterm Mond
Und Du wartest
Nichts mehr wie es war
Rette mich vor mir selber
Schwere See
Gelohnt hat es sich nicht
Fallende Blätter
Immer da wo Du bist bin ich nie
Michaela sagt
Wahr und gut und schön
Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
Stein, Schere, Papier
Dunkle Wolken
You only tell me you love me when you're drunk
Strassenbahn des Todes
Mehr als sie erlaubt
Schwert, Schild und Fahrrad
Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen
Jetzt musst Du springen
Am Ende denk ich immer nur an Dich
Lieblingsfarben und Tiere

Zugaben :
Ohne Dich
Delmenhorst
Weißes Papier
Vier Stunden vor Elbe
Dieselben Sterne

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